Spurensuche in der Ziegelwies

Eishockey Allgemein

14.09.2015 14:2514.09.2015 14:25 | geschrieben von Manuel Ort

Spurensuche in der Ziegelwies

Manfred Kraus spürte dem verschollenen Weggefährten des ESVK nach

Eine große blaue Libelle schwirrt mich an und die stacheligen Himbeerruten lassen nicht ab von meinen Hosenbeinen, während die Bäume des Auwalds hoch in den sommerblauen Sonnenhimmel ragen. Just in dieser Senke zwischen dem Lech und dem Allgäuer Bergwald, wo im Winter die Sonne rar und die Kälte tief ist, muss er gewesen sein, der Eisplatz des längst verschollenen SC Ziegelwies, den die Brüder Socher und die Brüder Schaudeck mit ihren Freunden anno siebenundvierzig ins Leben gerufen haben, um als Zwerg der großen Eishockeywelt das Fürchten zu lehren.

„Das waren stets sehr harte Kämpfe mit Ziegelwies und während der Spiele gab es auf beiden Seiten kein Erbarmen. Auf dem Eis ging es rund. Danach haben wir uns aber zusammengesetzt und miteinander gefeiert", gab mir die Kaufbeurer Eishockeylegende Fritz Sturm mit auf den Weg, als ich mich aufmachte, um einen Steinwurf von der Allgäuer Grenze zu Tirol dem verschwundenen SC Ziegelwies nachzuspüren. „Weil sie nicht in den Kobelhang hineindurften, haben sie einen Eisplatz drunten am Lech gebaut. Dort war es immer eiskalt und der Puck ist öfters einmal in den Fluss hineingesprungen. Oben herum war ein Bretterzaun und gespielt hat man wie bei uns auf selber zusammengenagelte Holztore."

Bereits 1947 standen sich der ESVK und der SCZ gegenüber und im Januar 1950 lieferten sie sich um die schwäbische Meisterschaft ein Kopf-an-Kopf-Rennen, in dem schließlich Kaufbeuren durch ein 7:4 und ein 6:0 gegen die sieglosen Kemptener seine Nase doch noch knapp nach vorne brachte. Seinerzeit entschlossen sich die Ziegelwieser Brüder Walter und Gusti Schaudeck, fortan für den ESV Kaufbeuren zu spielen, während sich ihr älterer Bruder Christian aufmachte, um im Rheinland sein Glück als Baggerführer zu suchen. „Das waren nette und sympathische Kerle. Sie haben richtig gut gespielt und für uns eine echte Verstärkung dargestellt", sind die beiden Ziegelwieser Fritz Sturm bis heute in guter Erinnerung geblieben.

Graubraun strebt der Fluss, dem man nachsagt, er zeige sich für gewöhnlich durchsichtig und türkis, dem nahen Lechfall zu. Derweil wandere ich zwischen den Ahornbäumen, den Eschen, Birken und Haseln hangaufwärts, um mich in der zu Füssen gehörenden Häuseransammlung am Fuße des nadelbaumbestandenen Bergwaldes auf Spurensuche zu begeben. Das ist allerdings leichter gesagt als getan, denn allenthalben kommen uns die Zeitzeugen abhanden. Schließlich aber treffe ich in der kleinen und in die Jahre gekommenen Tankstelle an der Tiroler Straße auf Aloisia Osterried, die ihren Dienst an ihrem angestammten Platz hinter der Kasse trotz ihres Alters eisern verrichtet. „Mein Mann hat von Anfang an für Ziegelwies gespielt und er hat überall mitgeholfen. Auch um den Eisplatz hat er sich gekümmert. Das Eis musste ja gespritzt werden, aber das hat dann auch eine ganze Zeit gehalten, weil es damals noch gescheite Winter gab", erzählt sie aus den Anfangsjahren, zu denen ich ihren Gatten Franz Osterried indessen nicht mehr selber befragen kann. Er ist schon vor siebzehn Jahren verstorben.

„Ich habe da noch etwas für Sie", lässt mich Aloisia Osterried einen Moment lang allein, um nach einer Weile mit einem historischen Mannschaftsfotos zurückzukehren. Ich unterstreiche Ihnen die Namen der noch Lebenden", bittet sie mich um meinen Füller, während sie sorgfältig Name um Name vorliest und dabei immer wieder sinnend innehält. Tinte indessen verbraucht sie kaum. „Der Gröger Rudi müsste noch leben und der Socher Luggi lebt auch. Er war Spieler und Vorstand beim SCZ, ist jetzt sechsundachtzig und zurzeit nicht gut beieinander. Sein Bruder Martin war ein hervorragender Spieler. Der lebt aber schon seit dreißig Jahren nicht mehr."

Für einen ausgedehnten Augenblick macht sich Betroffenheit breit. Von einem Dutzend Spielern weilen deren zehn nicht mehr unter uns. Der Socher Martin und der Osterried Franz, aber auch der Prestel Magnus, der Wildemann Arthur, der Hipp Magnus, der Pult Magnus, der Uhl Erwin, der Knoll Peter, der Frenzel Walter und der Schöndorfer Gere. „Mein Mann war Jahrgang 1927. Alle aus der Anfangszeit waren um 1925 bis 1928 herum geboren. Sie hatten einen Mordseifer. Alles wurde selber gemacht und selber gebaut. Niemand hatte Geld. Auch die Zuschauer nicht."

Das Publikum stand im Ziegelwieser Natureisstadion auf einer von ein paar Balken gebildeten Waldtribüne am Hang. „Der Eisplatz lag unterhalb des Hangs, weiter oben verlief das schmale Sträßlein zur Grenze nach Tirol. Man hat damals zwei Hütten gebaut und wenn es schneite", wird mir später der Ziegelwieser Pit Helmer erzählen, „wurde der Schnee mit Skiern festgetreten. Dann hat man Wasser aus der Wasserreserve einlaufen lassen."

„Der Hartl war natürlich schon eine ganze Zeit später. Als Jahrgang 1939 gehörte er nicht mehr den Anfangsjahren an", erinnert sich Aloisia Osterried schließlich an den berühmtesten Ziegelwieser Eishockeysohn. „Aufgewachsen ist er gleich nebenan im Nachbarhaus. Er war ein ausgezeichneter Spieler und ein echter Ziegelwieser." Gemeint ist Leonhard Waitl, der an drei Olympischen Winterspielen teilnahm und als einer der bekanntesten deutschen Verteidiger in die Eishockeygeschichte einging. Selbst als er 1957 zum EV Füssen gewechselt war, um dort deutsche Meisterschaften zu sammeln, erlebte der SC Ziegelwies noch große Jahre in der zweithöchsten Spielklasse. Immer wieder gelangen dem Außenseiter handfeste Erfolge und bei Platzierungen um die Ränge vier und fünf ließen die kampfstarken Ziegelwieser Großstadtvereine wie die Düsseldorfer EG, den Kölner EK und den Berliner SC in schöner Regelmäßigkeit hinter sich.

Ein Blick in die bemerkenswerten Erinnerungsalben des ehemaligen Kaufbeurer Torjägers Fredl Hynek bestätigt, dass damals gerade auch die hartumkämpften Derbys zwischen dem ESVK und dem SCZ ein ums andere Mal Eishockeyleckerbissen darstellten. Nicht nur das bemerkenswerte 5:2 des Novembers 1960, als über 6000 Zuschauer beim heißen Spitzenspiel der beiden verlustpunktfreien Kontrahenten am Berliner Platz mitfiebern wollten und dafür mitunter sogar durch den Bach wateten und in die umstehenden Bäume kletterten, ging in die Allgäuer Eishockeyannalen ein. „Ziegelwies besaß immer ausgezeichnete Mannschaften", entsinnt sich das Kaufbeurer Idol Fredl Hynek der großen Zeiten, „das waren richtige Derbys und es ging stets voll zur Sache. Unsere Rivalität war riesengroß."

Irgendwann einmal durften die Ziegelwieser ihre Heimspiele dann doch noch am Füssener Kobelhang austragen. Weil es drunten am Lech einfach nicht mehr ging, aber auch als Lohn und Anerkennung für die vielen starken Spieler, die den Weg vom SCZ zum EVF gefunden hatten. Umgekehrt bekamen aber auch die Ziegelwieser im Laufe der Jahre zahlreiche Füssener, die dort nicht oder noch nicht zum Zuge kamen, sodass es nicht allzu weit hergeholt erscheint, wenn man behauptet, dass der SC Ziegelwies schließlich gleichermaßen zu einer Art Füssener Reserve und zu einem Sprungbrett wurde. Namen wie Leonhard Waitl, Hansjörg Nagel und Reinhold Driendl stehen beispielhaft für die enge Verzahnung des SC Ziegelwies mit dem EV Füssen.

Die Zeiten aber änderten sich und die Luft wurde immer dünner für einen kleinen Verein, der in der Nachkriegszeit aus der Leidenschaft geboren worden war, ohne über erkennbare Mittel zu verfügen. Trotzdem stemmte sich der zwischenzeitlich abgestiegene SCZ auch Mitte der Sechziger noch immer mit Händen und Füßen gegen die Übermächtigen, sodass in der drittklassigen Regionalliga sogar der hochfavorisierte Augsburger EV, dem sich 1965 überraschend der eigentlich beim ESVK im Wort stehende Füssener Nationalverteidiger Paul Ambros angeschlossen hatte, Federn lassen musste und im vollbesetzten Augsburger Stadion am Schleifgraben beim 4:5 gegen Ziegelwies seine einzige Saisonniederlage erlitt. Auch beim Rückspiel am Tag vor Dreikönig 1966 taten sich die von 1500 Schlachtenbummlern begleiteten Fuggerstädter bei ihrem 3:1 am Kobelhang sehr schwer.

In der darauffolgenden Saison flackerte das Ziegelwieser Feuer mit der Rückkehr in die zweithöchste deutsche Spielklasse noch einmal kräftig auf, bevor im Sommer 1968 die Dinge endgültig ihren Lauf nahmen und sich der SCZ dem EV Füssen anschloss, um als EVF 1b weiterzuspielen, ehe die Mannschaft 1970 aus den höheren Klassen zurückgezogen und alsbald ganz aufgelöst wurde. Der Vorhang war gefallen, das Eishockeymärchen vorüber, der SC Ziegelwies Geschichte. Seine Spuren verloren sich. Die Neuzeit, die in ihrer Welt ganz augenscheinlich keinen Platz mehr für das Eishockeyliliput Ziegelwies vorsah, hatte den SCZ verschluckt. Vermutlich konnte das auf Dauer auch nicht gutgehen mit höherklassigem Eishockey in einem Nest wie der Ziegelwies, wo der Idealismus einem mehr als zwei Jahrzehnte währenden Abenteuer auf die Sprünge geholfen hatte.

Noch einmal schlendere ich hinab zum graubraun zwischen den Kiesbänken dahinfließenden Lech, um den Geist jenes denkwürdigen Ortes zu spüren, wo der SC Ziegelwies ehedem seine Eisbahn hatte und die Kaufbeurer Männer der ersten Stunde ihre Kräfte mit den Ziegelwieser Männern der ersten Stunde maßen. Vögel singen, Hummeln summen, Eichhörnchen klettern auf Bäume und vielleicht verbirgt das Flussbett sogar noch einen Puck, während die Erinnerungen an den SCZ immer stärker verblassen und die Geschichte sich anschickt, dem verschollenen Weggefährten des ESVK den Mantel des Vergessens umzuhängen. Plötzlich bleibe ich wie angewurzelt stehen. Etwas Geheimnisvolles weht mich an in der stillen Senke am Lech, die längst dem Auwald gehört.

Text: Manfred Kraus
Fotorepro: Faninitiative Eisstadion Kaufbeuren (die Aufnahme zeigt eine Szene aus dem früheren Kaufbeurer Stadion)

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